Bereits Ende des 19. Jh.s entdeckten die Maler, Dichter und Denker jener Zeit die eindrucksvoll anmutende Felslandschaft des Elbsandsteingebirges als Kulisse für ihre Werke. Seit jeher faszinieren die bizarren Sandsteingebilde der Sächsischen Schweiz, in deren canyonartigen Schluchten endlose Mischwälder die verträumte Landschaft bis zum Horizont säumen.
Lieber Helmut, zunächst vielen Dank das Du zu diesem Interview eingewilligt hast. Erzähl uns doch bitte zum Einstieg wie Du zur Fotografie gekommen bist.
Als Zehnjähriger wurde mir, ich weiß nicht mehr von wem, eine alte Pouva-Start überlassen. Das war eine Fotokamera mit Plastikgehäuse und 6 x 6 Zentimeter Rollfilm. Als Einstellmöglichkeiten konnte man die Blende nur auf Sonne oder Trüb stellen und bei der Belichtungszeit gab es die Wahl zwischen Moment oder Zeit. Später schenkte mir mein Vater seine alte Praktica FX, ein Modell aus den 1950'er Jahren. Allerdings war mein Experimentieren mit diesen Kameras nur bessere Spielerei.
1986 begann für mich ein ersthafteres fotografisches Arbeiten. Relativ spontan kaufte ich mir mit nun der Pentacon Six eine Mittelformatkamera für gehobene Ansprüche. Die Initialzündung zu diesem Kauf bekam ich durch das Klettern im Elbsandsteingebirge
. Ich wollte hier unsere Leistungen am Fels lichtbildnerisch festhalten, inspiriert von Fotos aus westlichen Kletterzeitschriften.In der Fachzeitschrift Bergsteiger (Ausgabe Mai 2010) las ich eine interessante Foto-Reportage über das Elbsandsteingebirge von Dir. Auf Deinem Web hast Du auch einige Deiner Fotografien veröffentlicht. Zahlreiche davon entstanden in den frühen Morgen- und in den späten Abendstunden. Wurdest Du hier von den bedeutenden Künstlern des 19. Jh.s inspiriert, oder sind es die Stimmungen zu dieser Zeit, die Dich faszinieren?
Mit meiner Antwort werde ich wohl den einen oder anderen Leser enttäuschen! Von Haus aus bin ich kein besonders romantisch veranlagter Mensch. Sondern ich betrachte Fotos vordergründig als eine Art mathematische Aufgabenstellung. Der Motivaufbau, die Bildkomposition müssen bei einem guten Lichtbild stimmen. Im Elbsandsteingebirge
hilft da natürlich der morgendliche Nebel. Er lässt die Strukturen hervortreten, beschränkt somit die Landschaft auf das Wesentliche. Felsen oder Höhenzüge treten plastisch hervor.
Im Übrigen sollte ein gestandener Fotograf mit den gleichen Ergebnissen, mit denen er Landschaftsaufnahmen erstellt, auch einen maroden Industriekomplex oder ein Atomkraftwerk fotografieren können.
Dessen ungeachtet ist das Elbsandsteingebirge für mich ein Stück Heimat, mit der ich mich sehr verbunden fühle.Der Falkenstein, gewaltiger Gipfel in der Sächsischen Schweiz (Foto: Helmut Schulze)
Die Schrammsteinkette in der Sächsischen Schweiz (Foto: Helmut Schulze)
Helmut, mich interessiert, welchen Reiz das Elbsandsteingebirge auf Dich ausübt, um immer wieder auf neue Motivsuche zu gehen? Der Bayrische- oder Thüringer Wald oder der Harz hingegen, bieten doch bestimmt ebenso zahlreiche Gründe für neue Fotoserien. Was hat die
Sachsische Schweiz
, was andere Nationalparks nicht bieten können?
Die nächste Entäuschung: Ich kenne den Harz oder Thüringer Wald nicht! In den vergangenen zwanzig Jahren war ich, so es die Zeit erlaubte, zu fernen Zielen unterwegs. Insgesamt verweilte ich fünf Mal in Südamerika - zwischen Venezuela und Patagonien. Inklusive zweier Aufenthalte auf den pazifischen Galápagos-Inseln. Auf Skiern durchquerte ich bereits Grönland und war zum Klettern in den Wüstengebirgen von Jordanien und Algerien …
Exotische Landschaften haben eine Menge zu bieten. Vor allem aber etwas was man im Elbsandsteingebirge dank des Sperrungs- und Regulierungswahns der Nationalparkbehörde nicht mehr findet: Freiheit! Wenn ich wieder nach längerer Abwesenheit in der Sächsischen Schweiz verweile, bin ich irgendwie zu Hause angekommen. So gesehen ist diese Vertrautheit mit der Landschaft für mich das, was andere Nationalparks nicht haben.Seit 2000 erscheint jährlich der
Kletterkalender
"Klettern im Sächsischen Fels" mit Fotografien von Dir. Wie bist du auf diese Idee gekommen?
Auf diese Idee bin ich gar nicht gekommen. Die Initative dafür ging vom Dresdner Adam-Verlag aus, der einen Fotografen für diesen Kalender suchte. Gegenwärtig arbeite ich nun an dessen zwölfter Ausgabe. Der Kalender ist mir willkommener Anlass Hobby und Beruf miteinander verbinden zu können. Vermutlich hätte ich mich ohne diesen Autrag niemals so intensiv der Kletterfotografie gewidmet. Insofern bin ich sehr dankbar, dass mich der Zufall in diese Richtung geführt hat.Beim durchblättern dieser Kletter-Kalender fiel mir auf, dass viele Fotografien aus schwierigen Perspektiven entstanden. Wie machst Du das, kletterst Du in diesen Fällen im Fels vor und fotografierst quasi im Seil hängend das gewünschte Motiv?
Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Entweder klettere ich über eine leichte Route auf den Gipfel. Oder ich klettere die zu fotografierende Strecke im Vorstieg. Oft lasse ich mir aber auch ein Seil in einen Sicherungsring hängen und erreiche so meinen Fotostandort unter Zuhilfenahme von Steigklemmen.Was macht für dich ein gutes Kletterfoto aus?
Ein wichtiges Kriterium für ein gutes Bild ist die Einbeziehung der Landschaft, oder von Felsstrukturen für mich. Selten wird man auf einem meiner Fotos einen formatfüllenden Kletterer finden. Schön wenn auf dem Foto auch der moralische Anspruch einer Route rüberkommt, Fotografien mit über dem Kopf geklingten Sicherungspunkten finde ich oft langweilig.Hoher Torstein-Südwand VIIb, Sächsische Schweiz (Foto: Helmut Schulze)
Gibt es bevorzugte Klettergebiete, in denen du fotografierst?
Allein der Wohnort fern der Alpen schränkt mich etwas ein. In der südöstlichsten Ecke Deutschlands lebend, befinden sich quasi das Elbsandsteingebirge und die innerböhmischen Sandsteingebiete vor der eigenen Haustür. Und wie schon bei Beantwortung der vorangegangenen Frage angeschnitten, spielt für mich auch die psychische Komponente einer Route eine Rolle. Entsprechend bin ich als Fotograf im weitestgehend bohrhakenfreien Sandstein gut aufgehoben. Ausflüge in Sportklettergebiete
sind mir aber ausdrücklich willkommen!Kletterfelsen im böhmischen Adršpach (Foto: Helmut Schulze)
Arbeitest Du mit bestimmten Kletterern dabei bevorzugt zusammen?
Gern bin ich mit den verschiedensten Typen unterwegs - vom sechsjährigen Kind bis zum gestandenen Bergsteiger jenseits der Siebzig. Neben dem Fotografieren bereichern mich die gemeinsamen Erlebnisse mit jenen Kletterern, als auch der Gedankenaustausch rund um unseren Sport. Nicht zuletzt ist die Fotografie mir eine willkommene Möglichkeit die unterschiedlichsten Spielarten des Bergsports kennenzulernen.
Halt – ein Lieblingsmodell habe ich doch: meinen neunjährigen Sohn Valentin! Ich bewundere seine Geduld, mit der er auf den richtigen Moment für ein gelungenes Bild warten kann. Vergangenen Sommer saß Valentin bei morgendlicher Kühle geschlagene zwei Stunden am Bohrhaken einer Dolomitenwand. Dann hatte sich die Wolkenbank verzogen und uns präsentierten sich optimale Lichtverhältnisse fürs nahezu perfekte Kletterfoto.Sohn Valentin beim Klettern in den Dolomiten (Foto: Helmut Schulze)
Valentin beim Klettern in der Sächsischen Schweiz (Foto: Helmut Schulze)
Was ist dein Tipp, um in der Fotografie Erfolge zu erzielen?
Beherzigt grundsätzliche Regeln der Bildgestaltung und betrachtet neben guten Fotos ruhig auch mal die Werke von Malern, beispielsweise jener der klassischen Moderne. Analysiert Bilder. Warum wirken sie, was ist das Besondere an ihnen? Lasst euch von herausragenden Fotos inspirieren. Aber kupfert die Bilder nicht ab, sondern entwickelt daraus eigene Gedanken und setzt eure Ideen um!Letzte Frage: Gemeinsam mit dem Textautor Hans Brichzin hast Du im Jahr 2006 den über 120-seitigen Bildband "Landschaft im Licht – Elbsandsteingebirge" herausgebracht. Zudem bist Du mit Thorsten Kutschke auf der aktuellen DVD "Traumtouren durch die Sächsische Schweiz" zu sehen. Sind weitere Projekte von Dir geplant, von denen Du bereits jetzt berichten kannst?
Es gibt einige Langzeitprojekte. Beispielsweise haben es mir Bäume angetan. Da arbeite ich seit Ewigkeiten dran. In welcher Form es einmal veröffentlicht wird - keine Ahnung.Aussicht Häntzschelstiege Sächsische Schweiz (Foto: Helmut Schulze)
Buchenblätter im Winter (Foto: Helmut Schulze)
Vielen Dank Helmut für das interessante Gespräch.
Ich wünsche Dir im Namen von wander-pfade.de alles Gute für deine Zukunft und viele weitere erfüllende Kletter- und Fotografie-Erlebnisse im Sächsischen Fels.
Zur Person: